Wie der neueste Bericht des Bundeskriminalamts zeigt, haben die Fälle von häuslicher Gewalt im Vergleich zum Vorjahr um 8,5 % zugenommen. Unter den 240.547 Opfern sind 71,1 % Frauen, wovon knapp 66 % von Partnerschaftsgewalt und 34 % von innerfamiliärer Gewalt betroffen waren. Statistisch entspricht dies 432 Fällen von Partnerschaftsgewalt pro Tag, und das ist nur das Hellfeld. „Häusliche Gewalt ist Alltag in Deutschland“, so Bundesinnenministerin Nancy Faeser. Bundesfrauenministerin Lisa Paus wies darauf hin, dass häusliche Gewalt ein gesamtgesellschaftliches und alltägliches Problem sei. Aus diesem Grund ist die Bereitstellung von öffentlichen Mitteln zur besseren Finanzierung von Frauenhäusern zwar wichtig, vor allem aber sind auch eine bessere Prävention und Intervention vonnöten. Das Konzept „StoP-Stadtteile ohne Partnergewalt“ aus Hamburg zeigt, wie mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt werden kann.

Ein Fall aus der Praxis zeigt: Institutionen müssen besser zusammenarbeiten

Es ist Freitagmittag, als die Mitarbeiterin einer Frühfördereinrichtung eine SMS bekommt. Die Mutter eines der betreuten Kinder bittet um Hilfe, sie hat Angst um ihr Leben, denn sie und ihre Kinder werden immer wieder von ihrem Mann geschlagen. Die Leiterin der Einrichtung und die kontaktierte Mitarbeiterin fahren zur Wohnung, um mit der Frau zu sprechen. Sie müssen das Gespräch nach einiger Zeit aber unter einem Vorwand auf dem Spielplatz fortführen, da der Ehemann nach Hause kommt. Das Ziel, die Frau mit ihren drei Kindern in ein Frauenhaus zu bringen, sollte in den nächsten neun Stunden eine Kausalkette des behördlichen Versagens aufzeigen.

Die Notfallnummer des Jugendamtes funktionierte nicht, weil sich am Ende der Leitung niemand zuständig sah. Zwei Polizisten, die zunächst wegen „Geringfügigkeit“ gar nicht erst vorbeikommen wollten und dies erst auf regelrechtes Drängen taten, entschieden, vor Ort auf Verstärkung zu warten, um die Kinder und weitere Sachen aus der Wohnung zu holen. Als es dann losging, waren es aber die drei Frauen, die in den Wohnkomplex vorgeschickt wurden, die Polizisten folgten hinterher. Auch in der Wohnung waren es vor allem die beiden Erzieherinnen, die die sehr angespannte Situation unter Kontrolle hielten. Zu guter Letzt begrüßte die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Frauenhauses die Mutter mit ihren drei Kindern bei Ankunft mit den Worten: „Es ist Freitagabend 21 Uhr. Da haben sie sich ja `ne ganz tolle Uhrzeit ausgesucht.“

Meine Empfehlung:
Runder Tisch zum Thema häusliche Gewalt

Um Abläufe besser zu koordinieren und Schwachstellen auszumachen, könnten Sie als Gleichstellungsbeauftragte anregen, einen runden Tisch zur Gewaltprävention ins Leben zu rufen. Neben Jugendamt, der Polizei und Beratungsstellen können zusätzlich Jugendvereine, Stadtteilzentren und Ortsämter, Kinderbetreuungsträger und Frauengruppen eingeladen werden, um folgende Fragen zu erörtern und weiterzugeben: Wie sind die einzelnen Institutionen vor Ort in Ihrer Kommune vernetzt? Gibt es bei häuslicher Gewalt einen Notfallplan/ Ablaufplan, insbesondere auch für die Abendstunden/Nacht bzw. Wochenendzeiten? Sind alle Mitarbeitenden sensibili- siert und in den Abläufen geschult? Gibt es Vertretungen?

Niedrigschwelliges Unterstützungsangebot

Studien belegen, dass eine aufgeklärte und gute Nachbarschaft lebensrettend und gewaltreduzierend wirkt. Und genau hier setzt das Konzept „StoP-Stadtteile ohne Partnergewalt“ an. Dieses nachbarschaftsbezogenes Handlungsmodell dient der Prävention und Intervention bei häuslicher Gewalt, indem maximale Öffentlichkeitsarbeit diesbezüglich geleistet wird.

Die Initiatorin des Konzeptes Sabine Stövesand, Professorin für Soziale Arbeit in Hamburg und langjährige Mitarbeiterin in einem Frauenhaus, sagt, dass insbesondere Nachbar*innen häufig wissen, was hinter der Tür nebenan passiert, aber nichts tun. Diese „Geht uns nichts an!“-Mentalität soll durchbrochen werden, denn genau die schützt die Täter.

Aber auch Unwissenheit und Unsicherheit darüber, wie man sich in solch einer Situation besser verhalten kann, sind Gründe. Und genau um solche Hilfestellungen soll es gehen. Es gilt, die Lücke zwischen den Betroffenen und dem Hilfesystem zu schließen. Und hierfür ist eine wachsame und bei drohender Gefahr intervenierende Nachbarschaft oder Umgebung besonders hilfreich. Dabei gilt: „Lieber einmal zu viel die Polizei rufen als einmal zu wenig.“

Meine Empfehlung:
Häusliche Gewalt muss mehr ins Bewusstsein rücken

In dem oben geschilderten Fall wäre der Frau und den Kinder ohne das Zutun der Erzieherinnen nicht geholfen worden, sie wären nicht ins Frauenhaus gekommen. Das Beispiel zeigt zum einen auf, wie wichtig das Ineinandergreifen behördlicher Strukturen ist, aber vor allem auch, wie wichtig eine Hilfestellung ziviler Akteur*innen in solch einer Situation ist. Nutzen Sie daher Ihr Netzwerk, um „StoP“ auch in Ihrer Stadt anzuwenden und Strukturen zu schaffen, die die Umsetzung eines solchen Konzeptes ermöglicht, wie beispielsweise eine Implementierung in Stadtteilzentren. Es werden laufend Multiplikator*innen-Schulungen, aber auch Beratungen angeboten. Unter dem Link https://t1p.de/zflde finden Sie Informationen dem Konzept und der Vorgehens- weise sowie eine Studie, die die Wirksamkeit von zivilgesellschaftlichen Akteur*innen belegt.

FAQ-Bereich

Für wen ist „Gleichstellung im Blick“?

„Gleichstellung im Blick“ richtet sich speziell an Frauen-, Gleichstellungs- und Chancengleichheitsbeauftragte im öffentlichen Dienst und der freien Wirtschaft in ganz Deutschland.

Kann ich „Gleichstellung im Blick“ probelesen?

Ja. Wir bieten allen interessierten Frauen-, Gleichstellungs- und Chancengleichheitsbeauftragten die Möglichkeit eine Ausgabe 14 Tage lang kostenfrei zu lesen. Sie entscheiden erst dann, ob Sie einen kostenpflichtigen Bezug möchten oder nicht.

Was bietet mir „Gleichstellung im Blick“?

„Gleichstellung im Blick“ bietet allen Frauen-, Gleichstellungs- und Chancengleichheitsbeauftragten relevante, aktuelle und rechtssichere Informationen zur Herstellung von Chancengleichheit in der Arbeitswelt. Neben der gedruckten Ausgabe haben Leser*innen die Möglichkeit eine telefonische Sprechstunde für individuelle Fragen in Anspruch zu nehmen. Ebenso laden wir mindestens 1mal pro Jahr zu einem Netzwerktreffen zum Austauschen und Netzwerken ein. Ein Zugang zu einem Onlinebereich, in dem Sie Muster-Initiativanträge, Checklisten, Übersichten und Muster-Schreiben herunterladen können, rundet das Angebot ab.

Was kann gegen häusliche Gewalt getan werden?

Bundesfrauenministerin Lisa Paus wies darauf hin, dass häusliche Gewalt ein gesamtgesellschaftliches und alltägliches Problem sei. Aus diesem Grund ist die Bereitstellung von öffentlichen Mitteln zur besseren Finanzierung von Frauenhäusern zwar wichtig, vor allem aber sind auch eine bessere Prävention und Intervention vonnöten. Das Konzept „StoP-Stadtteile ohne Partnergewalt“ aus Hamburg zeigt, wie mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt werden kann.

Was ist ein niedrigschwelliges Unterstützungsangebot?

Studien belegen, dass eine aufgeklärte und gute Nachbarschaft lebensrettend und gewaltreduzierend wirkt. Und genau hier setzt das Konzept „StoP-Stadtteile ohne Partnergewalt“ an. Dieses nachbarschaftsbezogenes Handlungsmodell dient der Prävention und Intervention bei häuslicher Gewalt, indem maximale Öffentlichkeitsarbeit diesbezüglich geleistet wird.
Insbesondere Nachbar*innen häufig wissen, was hinter der Tür nebenan passiert, aber tun nichts. Diese „Geht uns nichts an!“-Mentalität soll durchbrochen werden, denn genau die schützt die Täter.
Aber auch Unwissenheit und Unsicherheit darüber, wie man sich in solch einer Situation besser verhalten kann, sind Gründe. Und genau um solche Hilfestellungen soll es gehen. Es gilt, die Lücke zwischen den Betroffenen und dem Hilfesystem zu schließen.