So enttarnen Sie Männlichkeitskonstruktion in der Bundeswehr

So enttarnen Sie Männlichkeitskonstruktion in der Bundeswehr

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In der Gleichstellung von Männern und Frauen in der Bundeswehr hat sich in den letzten Jahren vieles verbessert. Dennoch ist die Zahl der gemeldeten sexuellen Übergriffe in der Bundeswehr im Jahr 2018 um 23 % gestiegen. In den meisten Fällen handelt es sich um unsittliche Berührungen. Es tauchen aber auch Meldungen auf wie beispielsweise der Fall eines Stabsgefreiten, der als Gegenleistung für eine Mitfahrgelegenheit von einer minderjährigen Soldatin Oralsex gefordert hatte. Oder der eines 46-jährigen Soldaten, der wegen Nötigung und sexueller Belästigung verurteilt wurde. Zudem häufen sich die Berichte über respektloses Verhalten männlicher Soldaten gegenüber weiblichen Vorgesetzten. Sexismus in der Bundeswehr scheint also immer noch ein Thema zu sein, das nicht verschwiegen werden darf. Warum dem so ist und was Sie als Gleichstellungsbeauftragte dagegen tun können, erfahren Sie in diesem Beitrag.

    Sexismus oder respektloses Verhalten gegenüber Kameradinnen in militärischen Organisationen ist kein spezifisches Problem der Bundeswehr. Auch in anderen Streitkräften tauchen immer wieder Berichte auf, die ein übergriffiges Verhalten männlicher Soldaten thematisieren. Aber worin liegt ein solches Verhalten begründet?

    Männlichkeit und Militär: eine historisch gewachsene Verbindung

    Eine Ursache ist die eng gewachsene Verknüpfung zwischen Männlichkeit und Militär. In kaum einem anderen gesellschaftlichen Bereich spielen Prozesse der Maskulinisierung eine so tragende Rolle wie in der militärischen Identitätskonstruktion und Sozialisation. Historisch ist dies vor allem der Durchsetzung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer geschuldet, die mit der Entstehung der modernen Nationalstaaten eingeführt wurde. In der feministischen Literatur wird häufig betont, dass in der militärischen Grundausbildung der männliche Körper neu geformt und weibliche Attribute ausgetrieben wurden. Der männliche Körper wurde so zum Sinnbild des Soldaten, während in der Gesellschaft die Streitkräfte als Verkörperung von Maskulinität gelten.

    Historische Konstruktion von Weiblichkeit

    Es ist also wenig verwunderlich, dass Attribute wie Disziplin, Rationalität, Handlungsfähigkeit, Kameradschaft und Stärke im Militär mit Maskulinität gleichgesetzt und aufgewertet werden. Weiblichkeit hingegen wurde historisch immer als Gegenentwurf zur Männlichkeit konzipiert und mit Merkmalen wie Emotionalität, Schwäche und Passivität, aber auch Fürsorge versehen. Eigenschaften, die sich weniger für die Kriegsführung eignen und eher in privaten und familiären Kontexten eine Rolle spielen.

    Toxische Männlichkeit – ein Problem für die Bundeswehr?

    Daraus resultiert jedoch ein problematisches Verhalten männlicher Soldaten, das wohl am besten durch die Formulierung „toxische Männlichkeit“ beschrieben wird. Mit diesem Begriff werden all jene schädlichen Aspekte charakterisiert, die gesellschaftlich bestimmen, was Männlichkeit bedeuten soll.

    Dazu zählen unter anderem: keine Gefühle oder Schwäche zeigen, besonders hart und aggressiv sein. Wer sich anders verhält, wird automatisch als „weiblich“ abgewertet. Toxische Männlichkeit kann viele Gestalten annehmen. Am sichtbarsten wird sie jedoch in sexistischen oder homophoben Äußerungen, siehe hierzu auch den Beitrag „Toxische Männlichkeit“ in der Ausgabe April 2021 von „Gleichstellung im Blick“.

    In der historisch gewachsenen Trennung zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit ist die Soldatin nun ein Problem. Denn sie bricht mit der Norm und der ihr zugeschriebenen Rolle. Die Frau als Kämpferin wird somit als ein Angriff auf die historisch gewachsene, von Männern dominierte Struktur gesehen, welche die männlichen Privilegien bedroht. Verursacht durch die Aspekte der toxischen Männlichkeit lassen sich dann reflexartige Abwehrreaktionen beobachten. Diese reichen von verbaler Diffamierung und respektlosem Verhalten bis hin zu sexuellen Übergriffen.

    Ein erster wichtiger Schritt ist es, die Gleichsetzung von Rationalität, Handlungsfähigkeit, Kameradschaft und Stärke mit Maskulinität aufzuheben. Denn auch Frauen besitzen die oben genannten Attribute. Eine verstärkte Sichtbarkeit ließe sich beispielsweise in einer künftigen Kampagne umsetzen.

    Fazit: Männlichkeitskonstruktion im Militär hinterfragen

    Um tatsächlich etwas für die Gleichstellung der Geschlechter in der Bundeswehr zu tun, ist es notwendig, dass auch die männlichen Soldaten die gewachsenen Strukturen kritisch hinterfragen und ein Bewusstsein für die Ungleichheit sowie die eigenen Privilegien entwickeln. Machen Sie als Gleichstellungsbeauftragte in der Bundeswehr auf die Thematik aufmerksam, indem Sie z. B. Seminare anregen, die sich mit kritischer Männlichkeit und überholten Männerbildern auseinandersetzen.

    FAQ-Bereich

    Für wen ist „Gleichstellung im Blick“?

    „Gleichstellung im Blick“ richtet sich speziell an Frauen-, Gleichstellungs- und Chancengleichheitsbeauftragte im öffentlichen Dienst und der freien Wirtschaft in ganz Deutschland.

    Kann ich „Gleichstellung im Blick“ probelesen?

    Ja. Wir bieten allen interessierten Frauen-, Gleichstellungs- und Chancengleichheitsbeauftragten die Möglichkeit eine Ausgabe 14 Tage lang kostenfrei zu lesen. Sie entscheiden erst dann, ob Sie einen kostenpflichtigen Bezug möchten oder nicht.

    Was bietet mir „Gleichstellung im Blick“?

    „Gleichstellung im Blick“ bietet allen Frauen-, Gleichstellungs- und Chancengleichheitsbeauftragten relevante, aktuelle und rechtssichere Informationen zur Herstellung von Chancengleichheit in der Arbeitswelt. Neben der gedruckten Ausgabe haben Leser*innen die Möglichkeit eine telefonische Sprechstunde für individuelle Fragen in Anspruch zu nehmen. Ebenso laden wir mindestens 1mal pro Jahr zu einem Netzwerktreffen zum Austauschen und Netzwerken ein. Ein Zugang zu einem Onlinebereich, in dem Sie Muster-Initiativanträge, Checklisten, Übersichten und Muster-Schreiben herunterladen können, rundet das Angebot ab.

    Was ist unter „toxischer Männlichkeit“ zu verstehen?

    Das problematische Verhalten männlicher Soldaten wird als „toxische Männlichkeit“ beschrieben. Mit diesem Begriff werden all jene schädlichen Aspekte charakterisiert, die gesellschaftlich bestimmen, was Männlichkeit bedeuten soll.
    Dazu zählen unter anderem: keine Gefühle oder Schwäche zeigen, besonders hart und aggressiv sein. Wer sich anders verhält, wird automatisch als „weiblich“ abgewertet. Toxische Männlichkeit kann viele Gestalten annehmen. Am sichtbarsten wird sie jedoch in sexistischen oder homophoben Äußerungen.

    Was ist und wie äußert sich das hervorgerufene Problem?

    In der historisch gewachsenen Trennung zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit ist die Soldatin nun ein Problem. Denn sie bricht mit der Norm und der ihr zugeschriebenen Rolle. Die Frau als Kämpferin wird somit als ein Angriff auf die historisch gewachsene, von Männern dominierte Struktur gesehen, welche die männlichen Privilegien bedroht. Verursacht durch die Aspekte der toxischen Männlichkeit lassen sich dann reflexartige Abwehrreaktionen beobachten. Diese reichen von verbaler Diffamierung und respektlosem Verhalten bis hin zu sexuellen Übergriffen.