„Von einer Benachteiligung von Männern sind wir noch weit entfernt“

„Von einer Benachteiligung von Männern sind wir noch weit entfernt“

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Atahan Talinli (35) ist seit 11 Monaten Mitarbeiter der Gleichstellungsbeauftragten Diana Reimann im Bundesverwaltungsamt (BVA). Im Interview sprachen wir mit ihm darüber, welche Aufgaben er als Mitarbeiter der Gleichstellungsbeauftragten hat und wie er die Diskussion um Männer als Gleichstellungsbeauftragte einschätzt.

GBI: Herr Talinli, welche Aufgaben haben Sie als Mitarbeiter der Gleichstellungsbeauftragten?

Atahan Talinli: Als Mitarbeiter von Frau Reimann unterstütze ich sie gemeinsam mit meiner Kollegin dort, wo wir können und es auch dürfen. Bei uns im BVA herrscht aktuell eine kleine Be- sonderheit, da fast gleichzeitig 2 der Stellvertreterinnen von Frau Reimann ein Kind bekommen haben und sich nun in Elternzeit befinden. Das bedeutet konkret für meine Aufgaben, dass ich mehr als sonst für Frau Reimann die Vertretung bei Terminen übernehme, um ihr im Nachhinein die notwendigen Informatio- nen zuspielen zu können. Aufgrund der Größe unserer Behörde ist dies zwingend erforderlich, da sonst viele Arbeitsprozesse in unserem Haus deutlich verlangsamt werden würden. Außerdem gehören die Pflege und Weiterentwicklung des redaktionellen Auftritts unseres Fachbereichs im Intranet sowie im Social-Me- dia-Bereich und die Teilnahme an Personalauswahlgesprächen zu meinen Hauptaufgaben.

GBI: Frauenförderprogramme wie die Frauenquote werden oft kritisiert, da sie Männer benachteiligen würden. Können Sie die- se Kritik nachvollziehen?

Atahan Talinli: Die Kritik kann ich nicht ganz nachvollziehen. In unserem Hause werden die Themen Gleichstellung und Diversität sehr ernst genommen und auch vonseiten der Behördenleitung vorgelebt. Diese Denkprozesse werden auch stetig gefördert und weiterentwickelt. Von einigen Mitarbeiterinnen in unserem Hause habe ich auch Stimmen gehört, die eine Frauenquote gar nicht begrüßen. Sie bevorzugen es, mit ihrer Arbeit und ihren Qualifikationen zu überzeugen, anstatt eine Stelle oder Beförde- rung aufgrund einer Quote zu erhalten. Ich habe im Austausch mit anderen Gleichstellungsbeauftragten die Erfahrung gesam- melt, dass es in manchen Institutionen nicht ohne Frauenquo- te funktioniert, weil noch veraltete Denkmuster herrschen und vorwiegend Männer beruflich gefördert werden. Aber von einer Benachteiligung von Männern durch eine Frauenquote sind wir meines Erachtens noch weit entfernt.

GBI: Haben Sie das Gefühl, dass Männer benachteiligt werden, wenn sie vom Amt der Gleichstellungsbeauftragten ausgeschlos- sen sind?

Atahan Talinli: Nein, dieses Gefühl verspüre ich nicht. Wenn wir irgendwann in unserer gesamten Gesellschaft so weit sind, dass Frauen nicht mehr strukturell benachteiligt werden, könnte ich mir vorstellen, dass man mal darüber diskutieren könnte. Stand heute, spreche ich mich deutlich dafür aus, dass die Gleichstel- lungsbeauftragte eine Frau sein soll. Was ich jedoch gut fände: wenn man als Mann zur Stellvertretung gewählt bzw. bestellt werden könnte. Denn das Amt der offiziellen Stellvertretung ist ja noch mal mit anderen Rechten ausgestattet und so könnte ich beispielsweise gerade in unserem aktuellen Fall Frau Reimann noch besser unterstützen.

GBI: Auf Länderebene (in Bayern und Thüringen) können auch Männer die Position eines Gleichstellungsbeauftragten beklei- den. Vor dem Hintergrund, dass die Position eigentlich geschaf- fen wurde, um Frauen vor Diskriminierung am Arbeitsplatz zu schützen, für wie sinnvoll halten Sie einen Mann als Gleichstel- lungsbeauftragten?

Atahan Talinli: Das halte ich für wenig sinnvoll und stelle es mir auch schwierig für einen Mann vor, da man dann wahrscheinlich häufig mit dem Vorwurf konfrontiert wird, befangen zu sein, und man würde Frauen diskriminieren bei einer negativen Entschei- dung. Ich hätte das Gefühl, mich ständig für alles rechtfertigen zu müssen.

GBI: Wie können sich Männer für mehr Gleichstellung einset- zen?

Atahan Talinli: Ganz einfach, indem man seine Denkweise ständig reflektiert und sich fragt, ob der Denkansatz objektiv ist oder man lediglich ein Klischee bedient. Und dass man defini- tiv nicht schweigt, wenn man Ungleichbehandlung wahrnimmt. Das wende ich aber für viele weitere Bereiche im Leben an, z. B. auch wenn ich Rassismus oder sexuelle Belästigung wahrnehme.

GBI: Würden Sie anderen Männern ebenfalls empfehlen, als Mit- arbeiter der Gleichstellungsbeauftragten tätig zu werden?

Atahan Talinli: Definitiv. Es fördert, Klischees abzubauen, und ich habe bis jetzt nur positive Resonanz dafür erhalten, als Mitar- beiter der Gleichstellungsbeauftragten tätig zu sein. Von meiner Mutter habe ich die Devise gelernt: „Wer eine Frau nicht respekt- voll behandelt, zeigt somit, auch keinen Respekt vor seiner Oma, Mutter oder Schwester zu haben.“

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