Mehr weibliche Führungskräfte aus Ostdeutschland

Mehr weibliche Führungskräfte aus Ostdeutschland

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Durch den Mauerfall gab es das Bestreben, die unterschiedlichen Systeme von Ost und West möglichst schnell auf ein einheitliches Niveau zu bringen – nach Westvorbild. Bei aller (eventuell) berechtigten Systemkritik sei jedoch konstatiert, dass die DDR in Sachen Gleichberechtigung und Gleichstellung zwischen Männern und Frauen etwas Wichtiges geleistet hat. Dieser „Gleichstellungsvorsprung“ von Ostfrauen wurde in einer Studie* von Jacobs und Schönherr 2019 untersucht. Die Ergebnisse und deren Auswirkungen haben wir hier für Sie zusammengestellt.

    Starke Unterrepräsentanz von Ostdeutschen in Führungspositionen

    Nach der Wiedervereinigung vor 30 Jahren vollzog sich auf ostdeutscher Seite ein radikaler Wandlungsprozess, gerade auch hinsichtlich der Führungspositionen. Die Verwaltungsstrukturen wurden nach westdeutschem Vorbild aufgebaut und beförderten die Besetzung von strukturellen Schlüsselpositionen mit Westdeutschen. Die Besetzung von Führungspositionen mit Ostdeutschen ist allerdings auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung mit gerade einmal 2 % äußerst gering. Gemessen am Bevölkerungsanteil müsste sie mindestens 10-mal so hoch sein, um von einem ausgeglichenen Verhältnis zu sprechen.

    Ostfrauen in Führungspositionen überproportional hoch

    Innerhalb dieser unterrepräsentierten Gruppe ist der Anteil von Frauen jedoch deutlich höher als auf gesamtdeutscher Ebene. Tatsächlich befinden sich unter den Führungspositionen, die von Ostdeutschen bekleidet werden, überproportional viele Frauen.

    So kommt die oben genannte Studie von Jacobs und Schönherr zu dem Schluss, dass es sich, je höher die Leitungsposition ist, die von einer*m Ostdeutschen besetzt ist, desto häufiger um eine Frau handelt.

    Interessanterweise gab es in vielen der untersuchten Bereiche einen stärkeren Anstieg von Frauen, jedoch insbesondere von Ostfrauen, nach der Jahrtausendwende. Dies wird als „Merkel-Kick“ bezeichnet, da dies zeitlich zusammenfällt.

    Hausfrauenehe versus werktätige Mutter

    Die westdeutsche Sozialisation der Frau war noch maßgeblich durch die Tradition des Nationalsozialismus geprägt, in der die Frau vorrangig über ihre Rolle als Mutter definiert wurde. In Ostdeutschland hingegen wurde bereits 1950 mit dieser Tradition gebrochen und gesetzlich geregelt, dass Frauen und insbesondere auch Alleinerziehenden maßgebliche Rechte zugesprochen wurden. Somit hat Ostdeutschland einen jahrzehntelangen Vorsprung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (insbesondere Vollzeitbeschäftigung).

    Unterschiedliche Erwartungshaltung bestimmt Sozialisation

    Aufgrund der unterschiedlichen Gesetzgebung in Ost und West wurden sehr konträre Verhältnisse vor allem für Frauen geschaffen. Die sehr frühe Gleichstellung von Frauen und Männern und eine gut ausgebaute strukturelle Unterstützung für Mütter und Kinder führten dazu, dass Frauen mit großer Selbstverständlichkeit wirtschaftlich unabhängig von ihren Männern waren. Ebenso war die Verteilung von Hausarbeit wesentlich ausgeglichener als im Westen.

    Die Akzeptanz von arbeitenden Westfrauen und insbesondere von Müttern wurde durch fehlende strukturelle Betreuungsangebote erschwert, aber vor allem auch durch die gesellschaftliche Auffassung der „Rabenmutter“, die letztlich Mütter selbst internalisiert haben, negativ konnotiert.

    Tradierte Rollenmuster bilden wirtschaftliche Situation ab

    Aus dem „4. Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) vom September 2020 geht hervor, dass die Anzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen im Osten überdurchschnittlich hoch ist, die Teilzeitbeschäftigung jedoch meist unter Westniveau liegt.

    Die Beschäftigung auf Minijob-Basis ist ebenfalls weit unter Durchschnitt. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass mehr Frauen in Berufen mit Vollzeitbeschäftigung tätig sind. Besonders verdeutlicht diese Tendenz der Gender Pension Gap. Demnach erhielten Frauen ein um 53  % geringeres Alterssicherungseinkommen als Männer.

    Im Vergleich zwischen West und Ost zeigen sich dabei allerdings erhebliche Unterschiede: Der Gender Pension Gap betrug in Westdeutschland 58 % und in Ostdeutschland 28 %. (Berechnungsgrundlage ist das Jahr 2015; https://kurzelinks.de/BMFSFJ-Atlas-Gleichstellung).

    Fazit: Rechtliche und sozialpolitische Rahmenbedingungen können gesellschaftliche Fakten schaffen

    Die Studie zeigt auf, dass die Akkumulation von Erwerbszeit ostdeutscher Frauen einen beruflichen Aufstieg und somit auch eine Absicherung im Alter ermöglicht. Nicht außer Acht zu lassen ist jedoch auch die Auffassung, wie eine Mutter und besonders eine arbeitende Mutter zu sein hat. Sie als Gleichstellungsbeauftragte könnten beispielsweise Mütter, die in eine Vollzeitbeschäftigung zurückgekehrt sind, einmal zu ihren Beweggründen befragen und diese, wenn möglich, transparent machen.

    *Mehr Infos zur Studie.

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    Wie sieht die Besetzung von Führungspositionen 30 Jahre nach der Wiedervereinigung aus?

    Nach der Wiedervereinigung vollzog sich auf ostdeutscher Seite ein radikaler Wandlungsprozess. Die Verwaltungsstrukturen wurden nach westdeutschem Vorbild aufgebaut und beförderten die Besetzung von strukturellen Schlüsselpositionen mit Westdeutschen. Die Besetzung von Führungspositionen mit Ostdeutschen ist allerdings auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung mit gerade einmal 2 % äußerst gering. Gemessen am Bevölkerungsanteil müsste sie mindestens 10-mal so hoch sein, um von einem ausgeglichenen Verhältnis zu sprechen.

    Welchen Vorsprung hatte die DDR hinsichtlich der Gleichberechtigung und Gleichstellung zwischen Männern und Frauen? 

    Innerhalb der unterrepräsentierten Gruppe ist der Anteil von Frauen deutlich höher als auf gesamtdeutscher Ebene. Tatsächlich befinden sich unter den Führungspositionen, die von Ostdeutschen bekleidet werden, überproportional viele Frauen. 
    So kommt die oben genannte Studie von Jacobs und Schönherr zu dem Schluss, dass es sich, je höher die Leitungsposition ist, die von einer*m Ostdeutschen besetzt ist, desto häufiger um eine Frau handelt.